Die Problematik der DNA

“Wenn ich ein Wort benutze”, sagte Humpty Dumpty ziemlich verächtlich, “dann hat es genau die Bedeutung, die ich wähle, nicht mehr und nicht weniger.” – Lewis Carroll

 dna

2008

Stefanoni: Hier sind die DNA Ergebnisse. Ich bin der Meinung, dass sie Merediths DNA an der Klinge und Amandas DNA am Griff des Messers nachweisen, das zuvor in Raffaeles Wohnung sicher gestellt wurde. An dem BH-Verschluss, welcher 46 Tage nach dem Mord auf dem Boden von Merediths Zimmer sichergestellt wurde, nachdem er umhergetreten, aufgehoben, herumgereicht, zurück auf den Boden gelegt und schließlich abermals eingesammelt wurde, konnte zum Teil ein DNA-Profil nachgewiesen werden, welches möglicherweise mit Raffaeles übereinstimmt (zudem aber auch mit dem Millionen anderer Menschen). Zudem existieren Beweise für die Anwesenheit von DNA-Profilen anderer unidentifizierter Männer. Wir verwendeten die Low Copy Number (LCN) DNA Technik, um diese Ergebnisse zu erhalten (obwohl unser Labor für diese Technik nicht mit dem notwendigen Equipment ausgestattet und mit der Durchführung nicht genügend vertraut ist). Zudem verwendeten wir jegliches vorhandenes Material, sodass diese Tests nun nicht nochmals durchgeführt und die Ergebnisse somit nicht überprüft werden können. Dies spielt jedoch wegen unseres Expertenstatus keine Rolle.

Verteidiger: Können wir bitte Einsicht erhalten in die Aufzeichnungen und Befunde bezüglich Ihrer Arbeit, die Sie auf Ihren Computern festhielten?

Stefanoni: Mir erschließt sich kein Grund, Ihnen weitere Informationen offen zu legen. Ich bin eine Expertin auf meinem Gebiet und Sie sollten meinen Ergebnissen vertrauen.

Drei Jahre später

Verteidiger: Können wir bitte Einsicht erhalten in die Aufzeichnungen und Befunde bezüglich Ihrer Arbeit, die Sie auf Ihren Computern festhielten?

Stefanoni: Nein – Ich sehe keinen Grund, Ihnen weitere Informationen offen zu legen. Ich bin eine Expertin auf meinem Gebiet. Sie sollten meine Ergebnisse akzeptieren.

Neuer Wissenschaftler: Internationale DNA Experten vertreten die Meinung, dass das DNA-Material, welches Stefanoni als Beweis für Knox und Sollecitos Beteiligung am Mord von Meredith Kercher ansieht, zu geringfügig vorhanden ist, um irgendetwas zu beweisen und Stefanoni zudem nicht in einem Labor arbeitete, welches für das Nachweisen solch geringer Mengen ausgestattet ist.

Richter Hellmann: Bitte gewähren Sie den Strafverteidigern und den unabhängigen Experten Einsicht in Ihre Arbeit.

Stefanoni: Nein –  Sie brauchen keine weiteren Informationen. Ich bin eine Expertin auf meinem Gebiet. Sie sollten meine Ergebnisse akzeptieren.

Zwei Monate später

Richter Hellmann: Bitte gewähren Sie den Strafverteidigern und den unabhängigen Experten Einsicht in Ihre Arbeit.

Stefanoni: Also gut. Ich lege einige Informationen offen, nicht aber alle!

Unabhängiger DNA-Experte: Diese Ergebnisse sind allesamt nicht ernstzunehmen und wir haben nicht einmal die Möglichkeit, diese Tests zu wiederholen, da Sie gleich zu Beginn jegliches Material aufgebraucht haben. Der BH-Verschluss wurde nicht angemessen aufbewahrt und ist inzwischen rostig. Er wurde ganze 46 Tage lang auf dem Fußboden herumgetreten. Der Tatort war nicht vorschriftsmäßig gesichert, wodurch wir nicht sagen können, wie viele Leute sich dort aufhielten, wer sie waren oder was sie dort taten. Wir alle haben das Videomaterial gesehen, auf dem zu sehen ist, wie der BH-Verschluss von Beamten mit unsauberen Handschuhen aufgehoben wurde, von einer Person zur nächsten wanderte, wieder auf den Boden geworfen und schließlich abermals eingesammelt wurde. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, eine Kontaminierung auszuschließen, besonders wenn das Material mit der Low Copy Number-Technologie getestet werden soll. In jedem Falle lässt sich sagen, dass das DNA-Profil, welches angeblich mit Raffaeles übereinstimmte, ebenso mit jedem zweiten Mann in Italien übereinstimmen würde, inklusive des geschätzten Richters Hellmann, und niemand von Seiten der Anklage ist in der Lage zu erklären, wie Sollecitos DNA an den Verschluss, sonst aber nirgends an den BH gelangt sein soll. Dieses Beweisstück sollte demnach wegen Kontamination ausgeschlossen werden.

Das Messer wurde ebenfalls weder rechtmäßig sichergestellt noch rechtmäßig aufbewahrt. Das Labor ist nicht auf Low Copy Number-Tests ausgerichtet, auch das Personal ist für diese nicht qualifiziert. Sollten Sie annehmen, technische Hinweise zu ignorieren und einfach fortzufahren, wenn die Warnung „zu gering‟ erscheint, sei bahnbrechende Wissenschaft, liegen Sie falsch. Alles was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass die Substanz an dem Messer der von Brotstärke entspricht (Es war ein Brotmesser, nicht wahr?), dass das Messer zu keinem Zeitpunkt mit Bleiche gereinigt wurde und niemals Blut daran nachgewiesen werden konnte. Ist es damit gut? Können wir jetzt nach Hause gehen?

Richter Hellmann: Nicht schuldig.

Achtzehn Monate später

Italienischer Oberster Gerichtshof: Knox und Sollecito müssen in einem anderen Verfahren schuldig gesprochen werden. Die Anklage ist nicht in der Position, etwas beweisen zu müssen. Was denken Sie, was dies hier ist? Ein Strafverfahren, in dem man Anspruch hat auf Beweise die über den begründeten Zweifel hinausgehen? Unsinn! Das ist Italien. Wir sind hier in unserer Arbeit nicht durch gesetzliche Feinheiten eingeschränkt. Wir wissen genau was wir wollen, und wir wollen Knox und Sollecito zurück im Gefängnis. So einfach ist das. Wenn wir sagen, dass niemals eine Kontamination stattgefunden hat, hat diese nicht stattgefunden. Habe ich mich klar ausgedrückt? Die Verteidigung muss Beweise hervorbringen, dass eine Kontamination stattgefunden hat, ansonsten gelten die Ergebnisse als erwiesen und gehören nicht angezweifelt. Wir haben uns entschieden. Wir werden es nicht dulden, dass jemand Stefanoni als hervorragenden Wissenschaftlerin, die für ihre Arbeit einen Nobelpreis bekommen sollte, in Frage stellt. Wir müssen unserem Rekord gerecht werden: Italien ist nicht umsonst das durch das Europäische Gericht für Bürger- und Menschenrechte am häufigsten sanktionierte Land Europas!

Die Begründung für das Urteil, festgemacht an den Einschätzungen von Experten, wäre folgende: Wenn jemand die Ergebnisse der forensischen Zuordnung der DNA, welche als Abstrich von dem Messer und BH-Verschluss genommen wurde, offen darlegen möchte, so kann nicht ignoriert werden, dass die DNA nicht etwa durch tatsächlichen Kontakt, sondern durch Kontamination zurückgelassen wurde, entstanden im Rahmen der unterschiedlichen Untersuchungsphasen des verantwortlichen Labors.

Der Nicht-Ausschluss bestimmter Möglichkeiten ist nicht gleichbedeutend mit ihrer erfolgreichen Überprüfung. Hier wird also der logische Fehler deutlich: auch wenn nicht zweifelsfrei feststeht, ob in erster Linie überhaupt eine Verunreinigung stattgefunden hat, so hätte diese wenn dann im Zuge der genetischen Untersuchungen stattgefunden haben müssen. Demnach liegt die Beweislast bei der Staatsanwaltschaft, die nun unmöglicherweise den positiven Nachweis erbringen müsste, dass eine solche Kontamination nicht stattgefunden haben kann.

Derweil betonte Professor Novelli, dass es nicht ausreiche, die Ergebnisse durch Kontamination zu begründen, auch müsse man begründen, woher diese rühre. Der Fehler in der Argumentation sollte klar sein, wenn die Beweislast plötzlich bei demjenigen liegt, der ein mögliches Versagen anspricht und nicht mehr bei dem, der ein solches leugnet. Wenn die Anfechtung eines wissenschaftlichen Nachweises einen greifbaren Aspekt, wie etwa die Verunreinigung einer Probe, betrifft, muss dieser ausdrücklich nachgewiesen werden. Während der Urteilsverkündung fiel kein Wort bezüglich dessen, inwiefern die nachgewiesene DNA Sollecitos an der Schneide des Messers und des BH-Verschlusses durch Kontamination hätte hervorgerufen werden können, besonders wenn man den zeitlichen Abstand zwischen beiden Testvorgängen bedenkt. Nicht nur das, auch wurde behauptet, seitens der Forensischen Biologen und Genetiker hätten nie die Kontamination bestätigende Kontrolltestvorgänge stattgefunden, sich dann aber herausstellte, dass diese sehr wohl durch die Experten durchgeführt worden waren. Auch waren sie nicht in der Lage die Ursache einer Verunreinigung zu bestimmen und einigten sich stattdessen auf die Aussage, Alles sei möglich. Des Weiteren haben eben diese Experten offen jene Erkenntnisse angesprochen, die dazu führten, Spuren von Amanda Knox an demselben Messer festzustellen, an dem auch DNA-Spuren des Opfers nachgewiesen werden konnten. Wohlwissend, dass, sollte der mögliche Fehler einer Verunreinigung zur Entkräftung der Ergebnisse ausreichen, sich alle Beweise unabhängig voneinander in Luft auflösen würden.

The Daily Fail: Foxy Knoxy unter Wiederaufnahmeverfahrens-Schock. Sie hat Alles richtig gemacht. Der Meinung waren wir schon immer. Wir veröffentlichten das Urteil Richter Hellmanns, welches er nicht auszuhändigen wagte. Selbst einen Journalisten Namens Nick Pisa setzten wir ein und sie werden doch nicht italienischer.

Vielen Dank an Caryl für Übersetzung

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